Erleben Sie in dieser
Interviewserie die Volksrepublik und im Besonderen die chinesische Hauptstadt
Beijing durch ihre ausländischen Bewohner. Heute hat Marie Bollrich zehn Fragen
an Norman Dentel. Der 33-Jährige ist Key Account Manager bei einem international
tätigen deutschen Großhandelskonzern und lebt seit 2009 in
Beijing.

Wo kommen Sie ursprünglich her und wie und wann sind Sie auf China gekommen?
Ursprünglich bin ich geboren in Erfurt in Thüringen, habe dort zehn, elf Jahre lang gewohnt und bin dann Richtung Bodensee gezogen in den schönen „Westen". Dort habe ich 20 Jahre verbracht, viel gearbeitet, bin viel umhergezogen, und bin dann im Jahre 2005 das erste Mal ausgewandert. Das erste Mal war nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate. Von da ging es dann in das Königreich Jordanien, auch noch mal für eineinhalb, zwei Jahre knapp und dann wieder zurück nach Deutschland für zwei Jahre, wo ich dann ziemlich schnell gelangweilt war. Ich hab mich dann auf einen Job beworben, der genauso gut hätte auch in Indien, Philippinen oder wo auch immer sein können. Das hat mich dann nach Peking geführt.
China – das Reich der Mitte: Was hat das damals für Sie bedeutet, bevor Sie hier ankamen?
China war für mich immer ein Land voller Drill und Disziplin; Reishüte; Reiskarren; Reiswagen. Irgendwo hat man das ganze immer schwarz-weiß in Erinnerung und Militärparaden natürlich. Das war so der Eindruck, den man generell hatte von China in Deutschland.
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Erster Tag im neuen Land, können Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke erinnern? Wie war das?
Ich kann mich noch sehr gut an den ersten Eindruck erinnern. Als ich dann das erste Mal in Peking gelandet bin, war das alles andere als kommunistisch oder schwarz und weiß, wie es bei uns eben in der ehemaligen DDR gewesen ist. Man kam an in Peking, ein riesiger Flughafen, ich wurde abgeholt, ich hab dann einen Chauffeur gehabt nach Tianjin. Es war sehr, sehr heiß. Ich kann mich noch daran erinnern, es waren knapp 40 Grad im Schatten. Was ich auch nicht gedacht habe, dass es so heiß werden kann hier, in China. Aber es war schon sehr beeindruckend, vor allen Dingen, wenn man dann einmal sieht, wie eine Stadt hier aussieht im Vergleich zu einer Stadt in Deutschland.
Was genau machen Sie hier?
Ich bin Key Account Manager, dass heißt, ich kümmere mich um internationale und vor allem auch deutsche Kunden, die in China ansässig sind, Produktionen haben, Maschinenbau, Automobilbau usw.
Wie unterscheidet sich ein ganz normaler Arbeitstag in Beijing von einem Arbeitstag in Deutschland?
In erste Linie ist nichts planbar. Das ist das Hauptaugenmerk, der Hauptkritikpunkt, dass nichts planbar ist in China, weil ein Tag komplett anders ist als der andere. Und selbst wenn dieser Tag geplant ist, entwickelt sich dieser doch meist konträr zu dem Plan.
Was ist Ihrer Meinung nach „typisch" für Beijing beziehungsweise „typisch" chinesisch?
Es gibt positive Sachen, es gibt negative Sachen. Positiv ist natürlich das Essen, ganz klar. Das muss man herausheben. Das Essen ist sehr, sehr lecker im Vergleich zu schwerem deutschen Essen, vor allem auch durch die Vielfältigkeit. Und diese Peking-Ente – wer die jemals in Peking gegessen hat, der wird wahrscheinlich nie wieder beim Asiaten in Deutschland diese Peking-Ente mehr anrühren. Negativ ist natürlich diese Spuckerei, die sich irgendwo wahrscheinlich nicht abschaffen lässt. Aber das ist ein kleines Manko, wo man in diesem Großen und Ganzen auch darüber hinweg sehen kann.
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Welche Eigenschaft der Chinesen (oder einfach der Menschen hier), welche Gewohnheit würden Sie gern in Ihrer Heimat übernehmen?
Gut, ich würde sagen, das ist wahrscheinlich in erster Linie diese Gelassenheit. Die Gelassenheit, die uns auch fehlt letztendlich, weil bei uns der ganze Tag immer durchgeplant ist, und wir uns immer nach gewissen Stunden- oder Tageszielen orientieren, was hier zum Teil definitiv gar nicht stattfindet. Man hat seinen Beruf, man macht was, und wenn es nicht sofort passiert, oder sofort klappt, dann gibt man dem halt ein paar Anläufe, bis es irgendwann funktioniert. Ich denke, das ist auch der gravierendste Unterschied zwischen China und Deutschland, dass bei uns erst alles geplant wird, und dann ausgeführt wird, und in China letztendlich erst die Ausführung kommt, bevor der eigentliche Plan stattfindet. Oder man versucht mit verschiedenen Wegen etwas zu erreichen, bis es dann irgendwann funktioniert.
Und womit kommen Sie überhaupt nicht zurecht?
Womit ich überhaupt nicht zurecht komme, ist zum Teil, dass viele Menschen sehr, sehr hohe Ansprüche für sich haben, aber keine an sich haben. Dass man mit wenig Arbeitsaufwand soviel wie möglich erreichen möchte, was definitiv nicht machbar ist. Und natürlich, wie ich schon erwähnt habe, diese Spuckerei, die natürlich für uns doch etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Auf welche Weise hat Sie das Leben hier in dieser Stadt, in China verändert, beeinflusst, was bedeutet China heute für Sie?
Gut, es ist immer noch gemischt, aber es ist sehr, sehr positiv, muss ich sagen. Es gibt natürlich nach wie vor positive und negative Erlebnisse und Ereignisse, aber letztendlich hat es mich dazu gebracht, dass ich gelassener werde. Ich kenne mich selber von früher, dass ich immer nur unter Zeitdruck, Zeitdruck, Zeitdruck stand, immer nur Action, Action, Action. Und wenn man in China etwas erreichen möchte, erfolgreich sein möchte, leben möchte und nicht an einem Herzinfarkt sterben möchte, muss man ganz einfach sich mit den Gegebenheiten des Landes auseinandersetzen. Man darf natürlich nicht den roten Faden aus den Augen verlieren, sondern sich immer daran orientieren. Das ist ganz wichtig. Aber letztendlich würde man mit einer komplett deutschen Mentalität hier komplett gegen die Wand fahren.
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Und, wie lange wollen Sie bleiben? Schon Rückflugticket gebucht?
Nein, Rückflugticket ist noch nicht gebucht. Ich weiß es noch nicht. Es gefällt mir von Jahr zu Jahr besser hier. Mein jetziger Arbeitsvertrag läuft noch bis Ende 2012, der aber mit Sicherheit auch verlängerbar ist. Und sofern das dann möglich ist, würde ich das auch annehmen.
Interview und Foto: Marie Bollrich
(Quelle: CRI)